2026 wird der Domberg zur Kulisse im Dialog zwischen Tod und Persönlichkeiten:
AGIL und das Bamberger Bürger Ensemble, Autor Dr. Martin Beyer, Komponist Jochen
Neurath, Regisseurin Nina Lorenz und viele weitere Beteiligte.

© Helmut Ölschlegel
Der Beginn des menschlichen Denkens ist eng verknüpft mit dem Erkennen der eigenen Vergänglichkeit – dem Umgang mit dem Tod. Er geht einher mit der Entwicklung von Gefühlswelten, die das Jenseitige versuchen zu erfassen, zu spüren, einzuordnen, ja: den Tod ins Diesseits eintreten zu lassen. Daraus entstehen erste Totenkulte, die als Grundstein künstlerischen Wirkens von elementarer Bedeutung sind.
Die Totentanzdarstellung in der ehemaligen Benediktinerabtei auf dem Michelsberg
ist das wohl bedeutendste Werk dieser Art in Europa. Sowohl die Darstellungen als
auch deren Ausführung in Stuck, kombiniert mit Malerei, sind einzigartig. Reste
ständischer Veranschaulichung finden sich in der Auswahl der dargestellten Personen.
Einen weiteren, überaus bedeutenden Aspekt stellt die Internationalisierung
des Todes durch die Abbildungen der Kontinente dar. Entscheidend ist hier die
wohl überraschendste Darstellung: Der Tod bläst Seifenblasen und sinniert über
sich selbst.
Die Welterbestadt Bamberg bietet mit dem Domberg und seinen Gebäuden eine
weltweit einmalige Kulisse, um zur natürlichen Bühne der Aufführungen zu werden.
Die Kathedrale, das Ensemble „Alte Hofhaltung“ und die imposante Front der
„Neuen Residenz“ sind Stein gewordene Geschichte.
Architektur in chronologischer Reihenfolge kombiniert mit einem Platzangebot, das
auch für größere Zuschauermengen ausreichend Raum bereithält.
Die Inszenierung selbst wiederum beschränkt sich nicht auf Wiederholungen eines
Theaterstückes, sondern greift ganz bewusst in jedem Turnus neue Abschnitte der
Geschichte auf. Der inhaltlichen Variabilität sind keine Grenzen gesetzt, die
Möglichkeiten künstlerischer Ausgestaltung somit nahezu unerschöpflich.
Mit der zweiten Auflage des Bürgertheaters TOTENTANZ setzt der Verein Agil
2026 die vergangenen 125 Jahre der Bamberger Geschichte in Szene – mal
düster, mal tragisch, mal humorvoll. Den Text kennt noch niemand, denn er
wird neu geschrieben. Vom Bamberger Schriftsteller Martin Beyer.
Martin Beyer ist ein versierter Autor, Dozent und Künstler. Er hat zahlreiche
Werke publiziert, erhielt für sein Schaffen unter anderen den
Walter-Kempowski-Literaturpreis und mehrere Stipendien im In- und Ausland. Mit
der Leipziger Posaunistin und Komponistin Antonia Hausmann erarbeitet er
regelmäßig Musik-Lesungen.
Und jetzt liegt der erste Entwurf für den TOTENTANZ vor. Höchste Zeit also,
um ihm im Gespräch das eine oder andere Geheimnis zum neuen Stück zu entlocken.
Lieber Martin, wie war die Arbeit am neuen Totentanz?
Spannend, erkenntnisreich und manchmal überraschend. Ich hatte mich für einige
meiner Romane schon intensiv mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt, vor allem mit
der Zeit vor und nach den beiden Weltkriegen. Bei den Recherchen zum Totentanz-Stück
habe ich aber gemerkt, dass ich über die konkrete Geschichte Bambergs zu dieser
Zeit vieles nicht wusste. Was für ein heterogenes, prallvolles Jahrhundert, und das
gilt auch für eine auf den ersten Blick beschauliche Stadt wie Bamberg. Es war
für mich also auch eine Entdeckungsreise, um den Ort, der mir längst zur Heimat
geworden ist, noch besser kennenzulernen.
Wie lange hast Du gebraucht? Wie hast Du recherchiert?
Von den ersten Gesprächen und Erkundungen bis zur ersten Textfassung ungefähr ein
Jahr. Eine Besonderheit war die Zusammenarbeit mit einer Schulklasse des
Franz-Ludwig-Gymnasiums. Die Schülerinnen und Schüler haben wichtige
Stadtereignisse der vergangenen 125 Jahre recherchiert und auf einer digitalen
Pinwand zusammengetragen. Die Ergebnisse wurden auch in szenischen Referaten
präsentiert, das war eine wunderbare Kooperation und für mich sehr interessant
zu erfahren, was für die jungen Menschen wichtig ist, welchen Blick sie auf
die jüngere Vergangenheit haben.
In welche Abschnitte hast Du diese 125 Jahre unterteilt, um darüber erzählen
zu können? Welche markanten Ereignisse kommen in Deinem Stück vor?
Der erste Gedanke war, die Szenen nach Jahrzehnten aufzuteilen, das ging aber
nur bedingt auf. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern haben wir den
Zeitraum dann in Erfahrungsräume eingeteilt, zum Beispiel „Zwischen Demokratie
und Diktatur 1919–1933“ oder „Wirtschaftswunder und gesellschaftlicher Wandel
1960er/1970er-Jahre“. Konkrete Ereignisse und Personen, die im Stück zur Geltung
kommen werden, darf ich aber noch nicht verraten. Ein Leitgedanke war für mich,
dass nicht vorrangig bedeutende historische Persönlichkeiten vorkommen müssen,
sondern der Blick und das Erleben der „normalen“ Bambergerinnen und
Bamberger nachvollziehbar wird – vor allem auch die weibliche Perspektive.
Außerdem ist mit der Figur des Todes ja immer schon eine äußerst wichtige
Persönlichkeit auf der Bühne präsent (schmunzelt).
Was hat Dich persönlich in der Bamberger Geschichte besonders berührt und
beschäftigt?
Zum einen die Zeit des Nationalsozialismus und das Schicksal vor allem jüdischer
Bürgerinnen und Bürger. Es hört nie auf, mich aufzuwühlen, dass manche sich in
dieser Zeit anmaßen konnten, über Leben und Tod ihrer Mitmenschen zu verfügen.
Dass sich manche schamlos bereichert haben. Und das führt einen bis in die
Mikroebenen einer Stadt hinein und lässt einen sehr Verstörendes, Schmerzhaftes
erfahren, was Menschen sich antun können. Leider lassen sich hier auch wieder
Bezugspunkte zur unmittelbaren Gegenwart finden – so vieles ist wieder aktuell,
angefangen bei der Sprache.
Vor allem hat mich auch die Zeit der 1970er und 1980er-Jahre beschäftigt, weil
damit die Zeit meines eigenen Erlebens, meiner Kindheit einsetzt. Was hat
Bamberg zu dieser Zeit geprägt? Auch hier hat sich viel bewegt,
manchmal war buchstäblich der Teufel los.
Womit wirst Du die Bambergerinnen und Bamberger überraschen?
Also das Stück wird hoffentlich einige Überraschungen bieten! Dafür sorgen ja
nicht nur ich mit dem Text, sondern ein wundervolles Team um Nina Lorenz
(Inszenierung), Jochen Neurath (Musik) und Annette Schäfer (Chor). Um nur
einige zu nennen. Jetzt schon das Meiste zu verraten, wäre aber natürlich schade.
Nur so viel: Das Stück wird einerseits, auch sprachlich, die bis ins Mittelalter
reichende Totentanz-Tradition aufgreifen, also das Zwiegespräch des als Figur
erlebbaren Todes mit einem Menschen kurz vor seinem Ableben. Andererseits
wird das Stück aber auch die Brüche des 20. Jahrhunderts, die zunehmende
Modernisierung der Lebenswelt, den Wandel in Kunst, Kultur und Sprache aufnehmen.
Das war für mich äußerst reizvoll, mit der Tradition zu arbeiten und sie ernst
zu nehmen, mir aber auch Freiheiten zu erlauben.
Was wünschst Du Dir vom Bamberger Publikum?
Also zunächst einmal: Dass möglichst viele Lust und Freude daran haben werden,
mitzuwirken! Sich also selbst als Schauspielerin oder Schauspieler zu beteiligen
oder beispielweise im Chor mitzusingen. Die Idee eines Bürgertheaters, das aus
der Stadt erwächst und viele mit einbezieht, finde ich wirklich großartig.
Bitte einfach bei Jost Lohmann und dem Team von AGIL melden! Diesmal werden
die Aufführungen auch von zahlreichen Veranstaltungen, Vorträgen, Lesungen,
Konzerten flankiert, es wird also ein veritables Totentanz-Festival geben,
an dem viele Akteure und Institutionen der Stadt beteiligt sind. Ich hoffe
natürlich, dass das gut angenommen wird und nach und nach viele Ideen
eingebracht werden. Der Totentanz soll in Bamberg ja zu einer regelmäßigen
Veranstaltung aus der Stadt für die Stadt werden.
Und um noch einmal auf das Stück zurückzukommen: Ich hoffe auf Verständnis,
dass die im Stück behandelten Ereignisse nur eine Auswahl sein können. Es
konnte, auch im Sinne der Dramaturgie, nicht um Vollständigkeit gehen. Dafür
ist der von uns gewählte Zeitraum einfach zu dicht an Ereignissen, Drehungen
und Wendungen und Brüchen. Ich glaube aber, dass die Auswahl einen spannenden,
stellenweise auch humorvollen Streifzug durch 125 Jahre Bamberger Geschichte
erlauben wird.
Sie möchten beim TOTENZANZ mitwirken? Melden Sie sich gerne bei
totentanz@agil-bamberg.de
Das Interview mit Martin Beyer führte Michaela Reimann

© Lisa Doneff